Rauchen und Dampfen: Was der TPD2-Bericht der EU sagt und was er auslässt
Die Europäische Kommission hat ihren großen Evaluierungsbericht zur Tabakproduktrichtlinie (TPD2) und zur Tabakwerberichtlinie veröffentlicht. Auf den ersten Blick sieht das Ergebnis gut aus: Die Raucherquote in der EU ist deutlich gesunken. Schaust du aber genauer hin, fällt auf, dass der Bericht die Risiken neuer Tabakprodukte wie E-Zigaretten ziemlich einseitig betont und mögliche Vorteile fast komplett ignoriert.
Für die Bewertung hat die Kommission eine breite Datenbasis herangezogen: Eurobarometer-Umfragen, Berichte der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC), wissenschaftliche Gutachten wie das des SCHEER-Ausschusses, Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und umfangreiche öffentliche Konsultationen.
Der Bericht deckt den Zeitraum von 2012 bis zur Gegenwart ab. Das zentrale Ergebnis: Die bisherigen EU-Vorschriften haben dazu beigetragen, dass weniger Menschen rauchen. Die Raucherquote sank von 28 Prozent im Jahr 2012 auf 24 Prozent im Jahr 2023. Die tabakbedingte Sterblichkeit ging um 8,6 Prozent zurück. Dafür verantwortlich sind laut Bericht unter anderem Werbeverbote, deutliche Warnhinweise auf Verpackungen und weitere nationale Maßnahmen.
Gleichzeitig geht der Bericht auf neue Herausforderungen ein. Er warnt vor gesundheitlichen Risiken für Jugendliche durch Produkte wie Nikotinbeutel, Tabakerhitzer und E-Zigaretten. Außerdem ist von einem sogenannten Gateway-Effekt die Rede: dass diese Produkte den Einstieg in den späteren Tabakkonsum begünstigen könnten.
Klingt schlüssig? Nicht alle sehen das so.
Was der Verband des eZigarettenhandels kritisiert: Harm Reduction kommt zu kurz
Gegen diese Schlussfolgerungen richtet sich zum Beispiel die Kritik des Verbands des eZigarettenhandels (VdeH). Der Verband bezeichnet den Evaluierungsbericht als fehlgeleitete Grundlage für zukünftige Regulierungen im Rahmen einer kommenden Überarbeitung (TPD3). Sein Vorwurf: Der Bericht werde den Anforderungen an eine evidenzbasierte, ausgewogene und transparente Bewertung nicht gerecht.
Der Kernpunkt der Kritik: Die Kommission blende wissenschaftliche Erkenntnisse zur Schadensminderung, also zur sogenannten Harm Reduction, systematisch aus oder stelle sie verzerrt dar. Stattdessen folge sie ideologischen Narrativen internationaler Anti-Tabak-Organisationen, so der Vorwurf.
Warum das aus Sicht des VdeH gefährlich ist? Eine auf diesen einseitigen Schlussfolgerungen basierende TPD3-Regulierung könnte erwachsene Raucher davon abhalten, auf risikoreduzierte Alternativen umzusteigen. Die Folge: Millionen Raucher in der EU blieben beim schädlichen Tabakrauch.
Ist die Kritik gerechtfertigt?
Schaust du dir den Bericht genauer an, fällt dir vermutlich tatsächlich eine Schieflage auf. Die EU-Kommission erkennt E-Zigaretten weder als erwiesene, weniger schädliche Alternative noch als wirksames Mittel zur Raucherentwöhnung an. Zwar wird das Thema angesprochen: E-Zigaretten würden gelegentlich als Entwöhnungshilfen vermarktet, und insbesondere ältere Konsumenten nutzten diese Produkte in der Annahme, sie seien weniger schädlich oder würden beim Aufhören helfen.
Gleichzeitig betont der Bericht aber, dass der gleichzeitige Konsum von herkömmlichem Tabak und E-Zigaretten – der sogenannte Dual Use – nicht bei der Entwöhnung helfe und gefährlicher sei als das reine Rauchen herkömmlicher Zigaretten. In diesem Punkt gibt es kaum Zweifel: Vom Dual Use wird allgemein abgeraten.
Statt allerdings E-Zigaretten als weniger schädliche Alternative zum Rauchen anzuerkennen, hebt der Bericht vor allem die gesundheitlichen Risiken hervor. Klar, auch E-Zigaretten bergen solche Risiken. Aber zumindest hätte erwähnt werden müssen, dass es verschiedene Stimmen aus der Wissenschaft gibt, die Dampfen als deutlich weniger schädlich erachten als das Rauchen. Das zeigen zum Beispiel verschiedene Reaktionen auf eine neue Studie aus Australien zu den gesundheitlichen Risiken von E-Zigaretten.
Das eigentliche Problem liegt in der Zielsetzung und in der Perspektive. Liest du den Bericht, entsteht der Eindruck, dass die EU-Kommission alle Tabakprodukte in einen Topf geworfen hat, und das nur, um die negativen Seiten zu betonen. Dass es zwischen den einzelnen Produkten und hier vor allem zwischen dem Rauchen und dem Dampfen große und teils grundlegende Unterschiede gibt, wird bestenfalls am Rande erwähnt.
Und damit fallen mögliche Vorteile des Dampfens unter den Tisch. Natürlich müssen Jugendliche vor dem Einstieg in den Tabakkonsum geschützt werden. Nicht umsonst ist der Verkauf dieser Produkte an Personen unter 18 Jahren untersagt.
Aber der Bericht lässt alle diejenigen außer Acht, die schon älter sind und für die das Dampfen eine weniger schädliche Alternative zum Rauchen sein kann – und vielleicht sogar der Weg zum kompletten Ausstieg aus dem Tabakkonsum.
Was wirklich wichtig ist: über mögliche Risiken offen und ehrlich zu informieren. Zum Beispiel darüber, dass Dual Use auf jeden Fall vermieden werden muss. Auch die gesundheitlichen Risiken des Dampfens sollten nicht verschwiegen werden; genauso wenig wie die möglichen Vorteile gegenüber dem Rauchen.
Fazit
Die Kritik des VDeH am Bericht der Europäischen Kommission zu TPD2 ist teilweise berechtigt. Es geht dabei aber weniger um methodische Fehler als vielmehr um eine einseitige Perspektive, die sich zu sehr auf Risiken konzentriert und mögliche Vorteile und Chancen des Dampfens ausblendet.
Wenn du möchtest, dass Konsumenten fundierte Entscheidungen treffen, musst du ihnen ausgewogene Informationen zur Verfügung stellen: solche, die möglichst viele Blickwinkel berücksichtigen.
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